Der unsichtbare Regisseur: Warum das beste Casting oft das ist, was man nicht zeigt
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Der unsichtbare Regisseur: Warum das beste Casting oft das ist, was man nicht zeigt

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Über die Hohe Kunst, Schauspieler nicht zu besetzen — und warum die stärkste Regiearbeit oft die ist, die im Schneideraum verschwindet.

Es gibt einen Satz, den ich von meinem Schauspielcoach vor Jahren gehört habe und der mich seitdem nicht loslässt: Ein Regisseur, der seinen Schauspielern alles zeigt, hat einen Dokumentarfilm gedreht. Ein Regisseur, der seinen Schauspielern nichts zeigt, hat gar keinen Film gedreht. Die Kunst liegt dazwischen. Ich habe Jahre gebraucht, um zu verstehen, was er meinte.

Die Versuchung der vollständigen Erklärung

Wenn man mit Schauspielern arbeitet, die man zum ersten Mal trifft — und das ist bei unabhängigen Produktionen fast immer der Fall —, entsteht ein natürlicher Impuls, alles zu erklären. Die Vorgeschichte der Figur, ihre Wunden, ihre Sehnsüchte, ihre politische Haltung. Man will, dass der Schauspieler "versteht". In meiner frühen Arbeit habe ich zwanzigseitige Figurenbiografien an die Darsteller geschickt. Heute schicke ich drei Sätze.

Nicht weil mir die Figur egal ist. Sondern weil ich gelernt habe, dass die besten schauspielerischen Leistungen aus dem entstehen, was der Schauspieler selbst mitbringt und was er nicht ausspricht. Eine Figur, deren Innerstes ich vollständig kenne, ist auf der Leinwand tot. Eine Figur, deren Innerstes auch der Regisseur nur zur Hälfte kennt, lebt.

Corona Obsession und Ceyhan Genç

Als ich Ceyhan Genç für die Rolle des Adam in Corona Obsession castete, wusste ich einige Dinge über ihn. Ich wusste, dass er in Köln aufgewachsen war. Ich wusste, dass er eine Ausbildung am Schauspiel Köln gemacht hatte. Ich wusste, dass er seit drei Jahren auf Rollen wartete, die seinem Können entsprachen.

Was ich nicht wusste — und was ich auch nicht erfahren wollte —, war die genaue Natur seiner Familiengeschichte. Ich wusste nur, dass er etwas über Schweigen verstand. Schweigen als Familiensprache, Schweigen als Schutzmechanismus, Schweigen als etwas, das in der dritten Generation plötzlich bricht.

Beim Casting gab ich ihm eine Szene, in der Adam mit seiner Ex-Frau telefoniert. Der Text war klar. Die Regieanweisung war: Du redest, um nicht zuzuhören. Ich sagte ihm nicht, warum. Ich sagte ihm nicht, was im Drehbuch danach kommt. Ich sagte ihm nur, dass die Szene in der Mitte des Films steht und dass das Telefonat das letzte Mal ist, dass die beiden miteinander sprechen.

Ceyhan spielte die Szene — und er brach ab. Mitten im Satz. Er sagte: Ich kann das nicht zu Ende spielen. Ich weiß nicht, was danach kommt, aber ich weiß, dass es wehtun wird. Wir behielten den Abbruch im Film. Es ist jetzt die Szene, in der das ganze Stück kippt.

Was der Schnitt erlaubt

Das ist der Moment, in dem die Schnittarbeit beginnt. Nico Gühlsdorf, der Cutter von Corona Obsession, hat aus dieser einen abgebrochenen Szene mehr über Adams Beziehung erzählt als aus den zwanzig Minuten Dialog, die wir im Drehbuch hatten. Der Schnitt ist nicht die Kürzung des Films. Der Schnitt ist die Verhandlung darüber, was der Zuschauer nicht sehen darf.

Ich sage oft: Der Schnitt ist die letzte Regiearbeit, die der Regisseur dem Schauspieler anvertraut. In Corona Obsession haben wir Sequenzen, in denen Ceyhan drei Takes hintereinander spielt — und im Film sieht man nur den dritten. Aber die zwei anderen Takes sind in seinem Gesicht. Man sieht sie, auch wenn man sie nicht sieht. Das ist das Geheimnis.

Drei Regeln, die ich mir selbst gegeben habe

Nach zwölf Jahren Regiearbeit habe ich drei Regeln, an die ich mich halte.

Die Biografie der Figur ist höchstens eine Seite lang. Alles, was länger ist, gehört in einen Roman, nicht in einen Film.

Der Schauspieler weiß mehr über die Figur als ich. Immer. Auch wenn er unrecht hat. Denn sein Unrecht ist glaubwürdiger als meine Recherche.

Eine Szene, die ich nicht erklären kann, ist meistens die richtige. Wenn ich einem Schauspieler eine Szene nicht erklären kann, ohne sie kaputtzureden, dann hat die Szene etwas, das größer ist als mein Verständnis. Genau dieses Etwas gehört auf die Leinwand.

Das ist die unsichtbare Regiearbeit. Sie zeigt sich nicht im Making-of, sie zeigt sich nicht in Interviews, sie zeigt sich nicht im Abspann. Aber ohne sie ist der Film nichts.