Setnotizen aus dem Ruhrgebiet: Drehen, wo die Geschichte geschrieben wurde
RuhrgebietDrehortunabhängige Produktion

Setnotizen aus dem Ruhrgebiet: Drehen, wo die Geschichte geschrieben wurde

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Duisburg, Gelsenkirchen, ein stillgelegtes Stahlwerk — warum das Ruhrgebiet für unabhängige Filmproduktionen wieder relevant wird.

Heute Morgen bin ich um fünf Uhr aufgestanden, um nach Duisburg zu fahren. Eine halbe Stunde auf der A40, die im morgendlichen LKW-Verkehr zur Bühne für eine eigene Art von Performance wird. Ich habe Kaffee in einer Thermoskanne mitgenommen, eine Packung Kekse, das Drehbuch und ein Notizbuch, in dem seit acht Monaten Setnotizen steht. Die meisten davon sind Korrekturen am Drehbuch. Manche sind Skizzen. Eine ist ein kleines Gedicht, das ich nicht zeigen werde.

Die Magie der falschen Orte

Das Ruhrgebiet ist seit jeher das schlechte Gewissen der deutschen Kinematografie. Es war zu industriell für die UFA, zu proletarisch für den Heimatfilm, zu nüchtern für die Romantik. Und es ist seit zwanzig Jahren dabei, sich neu zu erfinden — als Kulturregion, als Hochschulstandort, als creative hub. Doch das Kino hat das Ruhrgebiet noch nicht ganz entdeckt.

Dabei hat die Region alles, was ein unabhängiger Film braucht: eine Brutalität der Architektur, die keine Kulisse sein muss, weil sie echt ist. Eine Sozialgeschichte, die in jedem Treppenhaus erzählt wird. Eine Geographie der Bewegung, in der eine Kamerafahrt vom Hafen zur Hochhaussiedlung die ganze ökonomische Transformation eines Jahrhunderts zusammenfasst.

Die stillgelegte Werkshalle

Für Corona Obsession haben wir eine Szene in einer stillgelegten Werkshalle in Duisburg-Hamborn gedreht. Der Hochofen steht noch, abgeschaltet, mit seiner charakteristischen Silhouette, die aussieht wie ein gestrandetes Raumschiff. Drinnen: nichts. Nur Beton, ein paar Werkzeugspuren, das Echo unserer Schritte, und das Licht, das durch die gebrochenen Dachfenster hereinkommt.

Tom Keller, unser Kameramann, hat sofort gesagt: Wir brauchen hier kein künstliches Licht. Er hat recht behalten. Das Licht in dieser Halle war einzigartig — weich, aber präzise, mit einer Tiefe, die man mit keinem Studio-Licht hätte herstellen können. Wir haben fünf Stunden gedreht, ohne ein einziges Mal einen Reflektor aufzubauen.

Was das Ruhrgebiet dem Kino gibt, das Berlin nicht geben kann

Berlin gibt dem Kino Sichtbarkeit. Das Ruhrgebiet gibt ihm Authentizität. In Berlin muss man Authentizität konstruieren — durch Maske, durch Set-Design, durch die Auswahl der Straßencafés. Im Ruhrgebiet ist die Authentizität einfach da, kostenlos, und sie verlangt vom Regisseur, dass er sie nicht verbessert.

Es gibt einen wunderbaren Satz von Edgar Reitz, der sinngemäß sagt: Die Orte, an denen wir drehen, sind nicht die Kulisse für unsere Geschichten — sie sind die Geschichten. Das Ruhrgebiet ist seit hundert Jahren eine Geschichte. Eine Geschichte über Arbeit, über Migration, über das Versprechen des Aufstiegs und die Realität des Niedergangs. Diese Geschichte in den Mittelpunkt eines Films zu stellen, ist keine nostalgische Entscheidung. Es ist eine politische.

Drei Bilder, die ich mitnehme

Von dieser Woche nehme ich drei Bilder mit, die in meinem Skizzenbuch gelandet sind.

Bild eins: Ein Bauarbeiter, der am frühen Morgen in der Werkshalle eine Zigarette raucht und uns zusieht. Er hat nichts gesagt, aber er hat zugeschaut, und ich hatte das Gefühl, dass er wusste, was wir filmen.

Bild zwei: Der Hochofen bei Sonnenuntergang. Ich habe die Kamera nicht eingeschaltet, aber ich habe das Bild in meinem Kopf behalten. Es wird in irgendeinem meiner nächsten Filme auftauchen.

Bild drei: Meine Tochter, die mich am Telefon gefragt hat, warum ich so früh aufstehe. Ich habe gesagt: Weil das Kino auf mich wartet. Sie hat geantwortet: Und warum wartet das Kino auf dich? Eine gute Frage, die ich noch nicht beantworten kann.

Die Lehre des Ruhrgebiets

Wer in dieser Region dreht, lernt eine Bescheidenheit, die in keiner Filmschule vermittelt wird. Man lernt, dass die Geschichte größer ist als der Film, den man drehen will. Man lernt, dass die Architektur des Kinos demütig gegenüber der Architektur der Arbeit sein muss. Man lernt, dass die Atmosphäre eines Ortes wichtiger ist als die Handlung eines Drehbuchs.

Corona Obsession hätte in Köln spielen können. Es hätte in München spielen können. Es hätte überall spielen können. Aber es spielt im Ruhrgebiet, weil das Ruhrgebiet der einzige Ort ist, an dem die Geschichte von Adam atmen kann.