
Sieben Minuten Stille: Was uns Bergmans Persona heute noch über Filmsprache lehrt
Eine Annäherung an die berühmteste Sequenz der Filmgeschichte — und was sie für die Dramaturgie der Gegenwart bedeutet.
Es gibt ungefähr sieben Minuten in Persona, die das Kino für immer verändert haben. Ingmar Bergman lässt in dieser Sequenz die Realitätsebenen kollidieren — einen Zusammenbruch, der kein Zusammenbruch ist, einen Schnitt, der kein Schnitt ist, ein Bild, das sich gegen das Bild selbst wendet. Die berühmte Filmriss-Sequenz ist die meistdiskutierte Szene der Filmgeschichte, und sie ist bis heute nicht vollständig erklärt.
Ich schaue sie mir einmal im Jahr an. Nicht weil ich sie verstehen will. Sondern weil ich bei jedem Schauen etwas anderes darüber lerne, wie ich meine eigenen Filme mache.
Was in diesen sieben Minuten passiert
Für alle, die sie lange nicht gesehen haben: In Persona (1966) untersuchen eine Schauspielerin, die plötzlich verstummt ist, und ihre Krankenschwester einander in einer Sommerhaus-Idylle. Die Schauspielerin heißt Elisabet, die Krankenschwester Alma. In der siebten Minute der berühmten Sequenz flackert das Bild. Die Einstellung scheint zu brechen. Wir sehen plötzlich Aufnahmen, die nicht in die Handlung passen — eine Leichenstarre, ein Nagel, der in eine Handfläche getrieben wird, ein Auge, ein EEG. Dann ein Schnitt zu einem Phallus, dann wieder zurück zu den beiden Frauen, dann ein flackerndes weißes Bild.
In der Realität dauert das ungefähr hundert Sekunden. Bergman hat diesen Riss mit verschiedenen Techniken erzeugt — manche sagen, der Filmstreifen wurde physisch beschädigt und vor die Linse gehalten, andere sprechen von einer Überlagerung zweier Projektoren, wieder andere von einer direkten Manipulation des Negativs. Die Diskussion darüber ist müßig. Was zählt, ist die Wirkung.
Die Wirkung: Der Zuschauer wird zum Co-Autor
In dem Moment, in dem das Bild bricht, bricht der Zuschauer mit ihm. Man kann nicht mehr in die Geschichte zurück — selbst wenn das Bild sich zwei Minuten später wieder fängt, weiß man nicht mehr, wem man glauben soll. Die Figuren sind dieselben, aber die Beziehung zwischen Zuschauer und Leinwand hat sich unwiderruflich verändert.
Das ist Bergmans revolutionärer Trick. Er destabilisiert nicht die Geschichte, sondern das Vertrauen in die Geschichte. Vor dieser Sequenz glaubt man, Persona sei ein konventioneller Kammerfilm. Nach dieser Sequenz weiß man, dass Persona ein Film ist, der auch über sich selbst Auskunft geben kann.
Drei Lektionen für die Gegenwart
Was hat das mit Filmen zu tun, die ich heute mache? Drei Dinge.
Erstens: Das Vertrauen des Zuschauers ist eine endliche Ressource. Bergman hat es in dieser Sequenz verbraucht — und er hat es im weiteren Verlauf des Films klug verwaltet. Er hat es nie mehr in voller Stärke zurückgegeben. Das ist die Ökonomie des Unzuverlässigen.
Zweitens: Stille ist die teuerste aller filmischen Entscheidungen. Persona ist berühmt für seine Stille, und die sieben Minuten, die ich hier beschreibe, sind ein Konzentrat dieser Stille. Das Kino der Gegenwart scheut die Stille. Wir haben Angst, dass der Zuschauer ungeduldig wird, dass er auf sein Handy schaut, dass er den Saal verlässt. Diese Angst ist berechtigt — und sie ist die zentrale Krankheit des aktuellen Autorenkinos.
Drittens: Eine Verletzung der Form muss verdient sein. Man kann das, was Bergman in Persona getan hat, nicht imitieren. Man kann es nur verstehen, internalisieren und dann seine eigene Form der Verletzung finden. Corona Obsession hat eine eigene Verletzung. Ich werde sie hier nicht verraten, weil die Wirkung nur entsteht, wenn der Zuschauer unvorbereitet ist.
Warum ich Persona einmal im Jahr schaue
Weil ich jedes Mal vergesse, wie der Film funktioniert, und das ist gut so. Ich vergesse die Tricks, ich vergesse die Intention Bergmans, und ich erinnere mich nur an die Wirkung. Diese Wirkung — ein Kino, das sich selbst befragt, während es seine Geschichte erzählt — ist das, was ich anstrebe.
Es gibt einen Satz von Raúl Ruiz, den ich oft zitiere: Ein guter Film ist ein Film, bei dem man am Ende nicht mehr weiß, was man gesehen hat, aber genau weiß, was man gefühlt hat. Bergman hat das 1966 erreicht. Ich versuche es einmal pro Film.
Persona ist heute 60 Jahre alt. Sie wird älter, sie wird jünger, sie wird mit jedem Schauen anders. Das ist das größte Kompliment, das man einem Film machen kann.