
Das Handwerk der Langsamkeit: Warum unabhängiges Kino Zeit braucht und sie sich nimmt
Eine Reflexion über Produktionszeiten, die Kunst des Wartens und warum die deutsche Filmförderung das Wort 'Entwicklung' zu eng versteht.
Corona Obsession hat von der ersten Skizze bis zur geplanten Premiere sieben Jahre gebraucht. Sieben Jahre. Ich sage das oft in Gesprächen, und die Reaktionen schwanken zwischen Bewunderung und Entsetzen. Sieben Jahre für einen Film? Ja, sieben Jahre. Und ehrlich gesagt hätten es noch mehr sein können.
Die Ökonomie der Eile
Die deutsche Filmwirtschaft ist, verglichen mit anderen europäischen Modellen, gut aufgestellt. Die Förderstruktur in NRW, Hamburg und auf Bundesebene ist substanziell. Was fehlt, ist nicht das Geld — es fehlt die Zeit. Förderanträge werden in zwölfmonatigen Zyklen vergeben. Drehbuchförderung gilt für eine bestimmte Anzahl von Monaten. Produktionsförderung muss innerhalb von 18 Monaten abgerufen werden, sonst verfällt sie.
Das ist eine Ökonomie der Eile, und sie macht viele mittelmäßige Filme möglich — und nur wenige gute.
Drei Phasen, die nicht zusammenpassen
In meinem Verständnis braucht ein unabhängiger Spielfilm drei Phasen, die nicht in denselben Takt passen.
Phase eins: Die Inkubationsphase. Das ist die Zeit, in der der Regisseur mit dem Drehbuchautor — oder mit sich selbst — die Geschichte sucht. Man liest, man beobachtet, man führt Gespräche, man schreibt Szenen, die man wieder verwirft, und Szenen, die man behält. Diese Phase braucht Offenheit. Sie verträgt keinen Förderantrag, weil der Antrag bereits eine Festlegung ist. Worum geht es in Ihrem Film? Diese Frage kann man nach drei Monaten Inkubation nicht beantworten — und wer es kann, hat noch nicht inkubiert.
Phase zwei: Die Strukturierungsphase. Hier entstehen Treatments, dann das Drehbuch, dann die Stoffentwicklungsförderung. Diese Phase braucht Disziplin — und sie ist die einzige, die von der Förderstruktur halbwegs abgedeckt wird.
Phase drei: Die Vorbereitungs- und Drehphase. Casting, Location-Scout, Proben, Drehplan, Produktion, Postproduktion. Hier ist die Förderung wieder stark, aber sie ist an Fristen gebunden, die mit dem kreativen Prozess oft nicht vereinbar sind.
Das Problem: Phase eins und Phase drei werden in der Förderlogik oft zusammengepresst. Man bekommt eine Stoffentwicklungsförderung von zwölf Monaten, in der man gleichzeitig die Inkubationsphase und die Strukturierungsphase unterbringen soll. Das Ergebnis sind Drehbücher, die zwar strukturiert sind, aber nicht gefunden wurden.
Was Corona Obsession langsam gemacht hat
Ich will nicht pathetisch werden, aber Corona Obsession ist in mehrfacher Hinsicht ein langsamer Film. Er ist langsam in der Produktion, langsam im Tempo, langsam in der Bedeutung. Die Pandemie war für viele Filmschaffende ein Anlass zur Eile — man musste die Geschichte erzählen, bevor sie vergessen wurde. Ich habe das Gegenteil getan. Ich habe die Pandemie sacken lassen, bevor ich sie zu einem Film gemacht habe.
Das hat bedeutet: vier Jahre, in denen ich nicht über die Pandemie nachgedacht habe. In denen ich andere Dinge gefilmt habe, andere Drehbücher gelesen, andere Regisseure interviewt. In denen ich gewartet habe, bis die Geschichte wusste, was sie sein wollte.
Ein Plädoyer für die Entwicklungsphase
Was ich mir von der deutschen Förderlandschaft wünsche, ist nicht mehr Geld, sondern eine längere Inkubationsphase. Eine Förderung, die ausdrücklich für das Warten gedacht ist. Eine Förderung, die anerkennt, dass die ersten zwei Jahre eines Filmprojekts die wertvollsten sind, weil in ihnen die Bedingungen für alles Spätere entstehen.
Die Drehbuchwerkstatt München hat das in Ansätzen versucht. Die Autorenwerkstatt der Berlinale ebenso. Aber es sind Tropfen auf den heißen Stein.
Die Tugend der Verschwendung
Ein Regisseur, der sich beeilt, verschwendet nichts. Ein Regisseur, der sich Zeit nimmt, verschwendet scheinbar viel. Aber nur scheinbar. Denn was in der Eile nicht entsteht, muss später mit Geld kompensiert werden — durch längere Drehtage, durch zusätzliche Castings, durch eine teurere Postproduktion. Die Eile ist die teurere Produktionsform, nicht die Langsamkeit.
Corona Obsession hat sieben Jahre gebraucht. Es werden sieben gute Jahre gewesen sein.