Zwischen Köln und dem Bosporus: Eine neue Generation des deutsch-türkischen Kinos
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Zwischen Köln und dem Bosporus: Eine neue Generation des deutsch-türkischen Kinos

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Was die zweite Generation der türkischstämmigen Filmschaffenden in NRW vom klassischen Migrationsthema unterscheidet — und warum das Kino daran wachsen muss.

Wenn man heute über das Kino zwischen Deutschland und der Türkei spricht, fällt der Blick reflexartig auf Berlin. Kreuzberg, Neukölln, die urbanen Schauplätze, die seit Gegen die Wand und Head-On als Seismographen einer geteilten Generation gelten. Doch diese Aufmerksamkeit verschleiert eine Verschiebung, die seit einigen Jahren leise, aber unaufhaltsam stattfindet. Das deutsch-türkische Kino der Gegenwart wird nicht mehr allein in Berlin geschrieben. Es entsteht zunehmend im Westen der Republik, zwischen Köln, Düsseldorf, Duisburg und Essen — in einer Region, die keine Hauptstadt sein will und gerade deshalb eine andere Art von Wahrhaftigkeit produziert.

Die Hauptstadt ist laut. NRW ist leise — und das ist gut so.

Berlin ist ein Kino der Statements, der Manifeste, der ich-bin-da-Geste. Das hat seine Berechtigung — wer einmal Fatih Akins frühe Kurzfilme gesehen hat, weiß um die Kraft des urbanen Wutschreis. Doch das Kino, das ich machen möchte, braucht eine andere Tonspur. Es braucht die Stille zwischen den Sätzen, das lange Einatmen vor der Replik, die Kamera, die wartet, statt zu urteilen.

In NRW habe ich diese Stille gefunden. Nicht weil die Region leise ist — sie ist laut, das Ruhrgebiet war schon immer laut — sondern weil sie eine andere Erinnerung an Migration mit sich trägt. Hier kamen die Gastarbeiter an, in den Sechzigern, mit kleinen Koffern und großen Hoffnungen. Ihre Kinder und Enkel sitzen heute nicht in Cafés, die wie Istanbul aussehen. Sie sitzen in Werkshallen, in Behörden, in Mehrgenerationenhäusern, in Vereinen. Das ist eine andere Erzählung, und sie verlangt eine andere Dramaturgie.

Corona Obsession als Beispiel

In meinem kommenden Langfilmprojekt Corona Obsession erzähle ich die Geschichte eines Unternehmers, der in der Pandemie nicht an Covid erkrankt — sondern an der Reinlichkeit. Die Pandemie wird zur Metapher für eine viel ältere Besessenheit: den Versuch, durch Kontrolle das Chaos der eigenen Erinnerung zu bändigen. Adam, die Hauptfigur, verkörpert eine Haltung, die in türkisch-deutschen Familien sehr präsent ist — den Glauben, dass Sauberkeit, Disziplin und Brot für die Kinder reichen, wenn die Seele schon längst brennt.

Der Film entsteht in Köln und im Ruhrgebiet. Er wurde nie in Berlin entwickelt, und das ist Absicht. Die Stadt, in der ein Film entsteht, formt seine Dramaturgie mit. Berlin hätte aus Corona Obsession einen lauten Film gemacht. Köln macht daraus ein Kammerspiel.

Drei Bedingungen für ein neues Kino der Mitte

Wenn ich über die Zukunft dieses Kinos nachdenke, fallen mir drei strukturelle Voraussetzungen ein.

Erstens: Eine eigene Festivalstruktur. Die Berlinale bleibt wichtig, aber sie ist nicht der einzige Maßstab. Mannheim-Heidelberg, Duisburg, das Film Festival Cologne — sie alle haben in den letzten Jahren Programme gezeigt, die das deutsch-türkische Kino ernster nehmen, als es in den großen Häusern geschieht. Diese Festivals brauchen Förderung, Aufmerksamkeit und vor allem Zuschauer.

Zweitens: Eine Produktionsökonomie ohne die Erwartung Berlins. Die deutsche Filmförderung ist gut, aber sie ist auf Hauptstädte zentriert. NRW hat starke Programme, aber sie sind kleinteilig. Wer zwischen den Kulturen erzählen will, braucht Fördertöpfe, die nicht zwischen den Kategorien "Integration" und "Kunst" wählen lassen. Ein Film über einen türkischstämmigen Arbeiter ist nicht automatisch ein Integrationsfilm.

Drittens: Eine Kritik, die die Mehrdeutigkeit aushält. Die deutsche Filmkritik neigt dazu, Diasporafilme entweder als Zeugnisse zu lesen — das ist authentisch, weil die Person dort aufgewachsen ist — oder als Exotica. Beides ist falsch. Corona Obsession ist keine Aussage über die Türkei. Es ist auch keine Aussage über Deutschland. Es ist ein Film über einen Mann, der versucht, die Zeit zurückzudrehen.

Was bleibt

Es gibt einen Moment in jeder Produktion, in dem ich spüre, ob der Film eine Heimat hat. Bei Corona Obsession war das der Moment, in dem wir die erste Einstellung in einer stillgelegten Duisburger Werkshalle gedreht haben. Das Licht war falsch, der Ton war schlecht, und der Kameramann Tom Keller fluchte leise vor sich hin. Aber ich wusste: Das hier ist es. Das ist der Ort, an dem dieser Film leben muss.

NRW ist keine Kulisse. Es ist ein Mitautor.