
Festivalnotizen: Was ich dieses Jahr in Cannes vermisse
Eine subjektive Vorbetrachtung des diesjährigen Programms — und ein Argument dafür, warum die kleineren Sektionen oft die wichtigsten sind.
Ich war nie in Cannes, und in diesem Jahr werde ich nicht dort sein. Das ist kein Mangel — das deutsche Filmschaffen hat seine eigenen Vertriebswege, und Corona Obsession ist noch nicht in dem Stadium, in dem Festivalpremieren sinnvoll sind. Aber ich verfolge das Programm, wie ich es jedes Jahr tue, mit der gleichen Mischung aus Faszination und Skepsis.
Die Messe und der Markt
Cannes ist zwei Dinge, und die beiden sind nicht dasselbe. Die Messe ist das, was in den Abendprogrammen läuft — die Premieren, die roten Teppiche, die Stars. Der Markt ist das, was im Marché du Film passiert — die Verkäufe, die Einkäufer, die Konditionen. Für das deutsche Kino ist Cannes vor allem ein Markt. Und der Markt ist in den letzten Jahren härter geworden.
Was ich dieses Jahr vermisse, ist die alte Gewagtheit der Quinzaine. In den frühen 2000ern waren es die Quinzaine-Filme, die das Kino vorangebracht haben. Heute ist die Sektion eine Hommage an vergangene Kühnheit, während die offizielle Selektion selbst den Ton angibt — und der Ton ist in diesem Jahr auffallend sicher.
Drei Trends, die mir aufgefallen sind
Aus der Distanz, nur über das Programmheft, fallen mir drei Trends auf.
Erstens: Die Rückkehr des dokumentarischen Erzählkinos. Mehrere Beiträge scheinen dokumentarische Methoden mit fiktionalen Stoffen zu verbinden. Das ist ein Trend, den ich seit For Sama beobachte, und er scheint sich zu verfestigen. Corona Obsession ist davon nicht unberührt — auch wenn unser Film vollständig fiktional ist, enthält er dokumentarische Versatzstücke aus den Duisburger Drehtagen.
Zweitens: Die weibliche Perspektive wird zum Standard, nicht zur Nachricht. In diesem Jahr sind mehr Filme von Regisseurinnen im Hauptprogramm als jemals zuvor. Das ist eine Entwicklung, die ich begrüße, und sie ist, glaube ich, das Ergebnis einer zwanzigjährigen Förderpolitik, die langsam Früchte trägt.
Drittens: Eine neue Art der Stille. Ich sehe in mehreren Programmbeschreibungen Hinweise auf lange, ruhige Sequenzen. Stille war im Kino der 2010er ein Skandal — der Zuschauer sollte nicht gelangweilt werden. In den 2020ern wird die Stille wieder erlaubt, vielleicht sogar gesucht. Das ist, ehrlich gesagt, die einzige Entwicklung, die mich wirklich aufhorchen lässt.
Was die kleinen Sektionen besser machen
Wer Cannes wirklich verstehen will, schaut nicht auf die rote Teppich-Galerie, sondern auf die Un Certain Regard, die Quinzaine, und — am allerbesten — auf die Acid-Sektion, die parallel stattfindet. Acid (Association pour le Cinéma Indépendant et sa Diffusion) zeigt die Filme, die sonst nirgendwo laufen. Es ist die ehrlichste Sektion des Festivals, weil sie sich ihre Selektion nicht von der Marktlogik diktieren lässt.
Wenn ich dieses Jahr nach Cannes könnte, würde ich drei Tage in Acid verbringen, einen Tag im Markt, und die rote Teppich-Galerie überspringen. Das ist die Hierarchie, die für ein unabhängiges Kino wie das meine sinnvoll ist.
Was Corona Obsession von Cannes lernen kann
Cannes ist nicht das Maß der Dinge. Cannes ist ein Markt, ein Schaufenster, ein Spiegel dessen, was das internationale Kino für verkäuflich hält. Corona Obsession ist für diesen Markt gebaut — aber nicht für ihn gemacht. Der Film ist für die Zuschauer gemacht, die nach dem Film schweigen wollen. Für die Zuschauer, die das Kino als Form der Reflexion suchen, nicht als Form der Bestätigung.
Wenn der Film einmal in Cannes laufen sollte — was ich nicht erwarte, aber was möglich ist —, dann nicht in der Eröffnungsgala, sondern in einer kleinen Sektion, spät am Abend, vor einem halbvollen Saal, mit einem Publikum, das keine Müdigkeit kennt.
Das ist das Festival, das ich mir wünsche. Und es ist das Festival, das Cannes in seinen besten Momenten tatsächlich ist.